Andacht
Gedanken zum Monatsspruch November aus dem Kirchenbrief
der JCB Kirchengemeinde
von Pfarrerin Pia L. Rübenach
"Gott sorgt für Recht unter den Völkern. Er schlichtet Streit zwischen mächtigen Staaten. Dann werden die Menschen Pflugscharen schmieden aus den Klingen ihrer Schwerter. Und sie werden Winzermesser herstellen aus den Eisenspitzen ihrer Lanzen. Dann wird es kein Volk mehr geben, das sein Schwert gegen ein anderes richtet. Niemand wird mehr für den Krieg ausgebildet.“
(Aus Basisbibel: Jesaja, Kapitel 2)
Was für eine schöne Welt. Endlich Frieden weltweit. Die Menschen werden nicht mehr aus ihren Häusern gebombt. Die Waffen richten sich nicht mehr auf Herzen und Köpfe. Soldaten sterben nicht in ungleichem Kampf. Drohnen bringen kein Unheil auf fernen Knopfdruck. Schiffe werden nicht mehr versenkt. Mütter, Frauen und Kinder zittern nicht um das Leben von Kindern und Geliebten. Es ist eine heile Welt, in der das Unrecht nicht regiert und es keine Herren gibt, die sich aufspielen und Menschen zu ihren Werkzeugen machen. Mittendrin sorgt ein Gott des Friedens dafür, dass den Handlagern des Krieges ihr grausames Handwerk gelegt wird und Streit beigelegt wird. Kurz: Es sind gute Bilder, die hier in Worte gefasst werden. Lassen wir uns von diesen Träumen anstecken?
Für viele haben die Worte der Propheten, ihre Zeichen und ihre Bilder, ihre Kraft bis in unsere Zeit bewahrt. Sie geben sich nicht mit dem Zerstörerischen zufrieden und hoffen gegen alle Hoffnung. Angetrieben sind sie von dem friedlichen Gott, der ihnen die Kraft und die Bilder dazu gibt.
Das Motiv „Schwerter zu Pflugscharen“ wurde als Bild Anfang der achtziger Jahre zum Symbol der Friedensbewegung, besonders in der DDR. Schon zehn Jahre zuvor trugen Jugendliche in der DDR an ihren Jacken Aufnäher mit diesem „Wappen“. Als sie immer häufiger von der Staatspolizei drangsaliert wurden, schnitten sie sich die Aufnäher aus ihren Jacken heraus. Nun gingen sie mit einem kreisrunden Loch in die Schule und auf die Straßen …
Dass aus solchen biblischen Bildern und Visionen eines Tages Realität werden würde und eine friedliche Revolution aus Lichtern und Unerschrockenheit die zwei Teile unseres Landes zusammenbringen würde, hätte damals keiner geglaubt. Sind Träumer die besseren Politiker?
Die Sätze, die wir beim Propheten Jesaja lesen, haben eine herrliche Zukunft und eine traurige Gegenwart. Auch uns ist das Wort „Krieg“ nähergekommen. In meiner zweiten Heimat im Norden werden alte Kasernen wieder auf -und ausgebaut. Im Hafen liegen U-Boote und Kriegsschiffe. Junge Soldaten gehören zum Stadtbild. Die Politik nimmt die Gefahr an der Ostsee wahr. In der Kirche werden verstärkt Seelsorger und Seelsorgerinnen ausgebildet für den Ernstfall. In der Schule und in der Öffentlichkeit üben wir für Krisen unterschiedlicher Art. Vorbei ist die Sorglosigkeit. Längst sind wir hineingenommen in Zeitenwenden mit ihrer Not. Junge Menschen sollen sich entscheiden und werden beworben zur Ausbildung für den Kriegsfall. Persönliche Entscheidungen, von denen wir glaubten, dass sie überwunden worden sind.
Wovon lassen wir uns anstecken? Von den paar Herren dieser Welt, die sich zu Feldherrn aufspielen? Die Fakten setzen und uns erschüttern? Die unsere Gegenwart gestalten mit ihren kruden Ideen? Die Angst und Schrecken verbreiten und so ihre Stärke rekrutieren? Oder von der Hoffnung, dass das Gute stärker ist und das Eisen der Waffe zur Schneide des Pfluges wird, das den Ackerboden lockert und bereit macht zum Anbau von Wein und Weizen? Vermutlich sind wir irgendwo dazwischen? Eine Zugehörigkeit auf beide Seiten?
Es heißt, „dass Krieg immer eine Niederlage ist für die Menschen“. Vielleicht lernen wir, dass die Abwesenheit von Krieg für alle ein Gewinn ist. Eine Zeit der Dankbarkeit und des Ackerbaus, des Wohlstandes, der Hoffnung und des gemeinsamen Lebens. Unsere Felder sind bestellt und das Korn ist geerntet und eingebracht.
Wir haben eine der besten Verfassungen dieser Welt und der Frieden gehört seit vielen Jahrzehnten zu uns. Unsere Kinder können nachts in Ruhe schlafen. Ist dieser Gedanke bei uns verankert?
Dass Vieles ins Wanken kommt, spüren wir. Wir sind innerlich alarmiert und wach für die Zeichen der Zeit. Manchmal schalten meine Nachbarn die Nachrichten weg: Zuviel Terror, zu wenig Gutes. Zuviel Krieg und nahe Angriffe und kaum Friedensbilder.
Doch unser Prophet leuchtet. Er leuchtet mit seinen Worten einer Zukunft und Herrlichkeit. Ich glaube, dass wir Bilder brauchen, die uns eine andere Welt vor Augen führen. In ihnen atmet unsere Sehnsucht nach Frieden für unsere Kinder und noch viel weiter. Ohne solche Visionen verliert sich die Hoffnung in Phrasen und in die Gier einzelner Phantasten.
In einen leuchtenden Herbst grüßt Sie, Ihre Pia Luise Rübenach