Andacht
Gedanken zum Monatsspruch März aus dem Kirchenbrief der
JCB Kirchengemeinde
von Pfarrerin Pia Luise Rübenach
"Da weinte Jesus.“
(Johannes 11,35)
Was für eine Befreiung: Weinen können! Als Kind dachte ich, dass jeder Mensch weint, wenn er traurig ist. Nach all den Tagen und Nächten meiner beruflichen Biografie, nach persönlichen Beziehungen, nach Tiefschlägen und Freudentaumel weiß ich, dass das nicht stimmt. Ich traf Menschen, die weinen konnten und auch mitweinen konnten. Ich traf Menschen, die sich auf die Zähne gebissen haben, um die Spannung im Gesicht zu halten und die die Tränen nicht über ihr Gesicht rollen lassen konnten. Es gibt Frauen und Männer, die nicht weinen können oder es verlernt haben. Die auf dem Trocknen sitzen und das wohltuende Nachgeben nicht fühlen, das mit aufrichtigem Weinen verbunden sein kann. In den Tränen, die es ehrlich meinen und untermauern, was an Gefühlen da ist.
Da weinte Jesus – was für ein biblischer Satz! Endlich ist es raus, dass auch Männer weinen können. Dass manchmal alles zum Weinen ist und dann kann das raus. Soll jeder sehen, dass ein Mensch ein Mensch ist und keine eisgekühlte Fassade oder starre Knochenlandschaft. Also raus damit. Jesus macht das vor. Wenn du weinst, darf sich das auf deinen Rippen lösen und du verbrennst nicht an deinem Schmerz.
Wie ist das mit dem Weinen? Mir geht der Begriff der „Fassadengesellschaft“ für Deutschland nicht aus dem Sinn. Ist die Fassade das Ergebnis, wenn Menschen ihre Gefühle nicht mehr zeigen und nicht weinen? Wenn junge Menschen lieber mit dem KI – Generiertem (Künstlichen Intelligenz) reden? Wenn wir gestylt und mit der Sonnenbrille vor die Tür treten und sonst nicht aus den Jogginghosen und von der Couch kommen? Wenn wir uns eigene Welten schaffen, weil vor der Haustür nichts mehr schön ist? Wenn uns die Einsamkeit erstickt und wir nicht den Mut zum ersten Schritt finden? Wenn wir Fotos in die sozialen Medien schicken und die Wirklichkeit nicht erstrahl? Ich glaube, dass wir uns in manchen Augenblicken weit von dem entfernt haben, was uns Menschen ausmacht: Gefühle zu zeigen. Alle Gefühle: Freude und Wut, Hass und Liebe und alles dazwischen. Dazu: Lachen und Weinen. Weil wir zu dem stehen, was in uns ist?
Jesus weint. Würde ich diesen Jesus nicht sowieso gut finden, dann wäre jetzt der Augenblick, ihm zu sagen: Du machst das super! Du zeigst dich und versteckst dich nicht. Weder hinter vielsagenden Sprüchen noch leeren Gesichtern. Du zeigst, wie dein Herz schlägt. Lass uns bloß teilhaben an deiner Identität und deinem Menschsein und deiner Geschichte. Wer weinen kann, hat es perspektivisch leichter. Der muss keine verdrehte Show spielen. Der muss sich nicht wegdrehen aus Angst. Der kann den Dingen ins Auge sehen und sogar mit anderen Menschen die Traurigkeit teilen und umarmt werden.
Weinen - Vieles lerne ich gut in der Schule mit den Schülerinnen und Schülern. Neulich war das bei uns so: Ein Mädchen aus einer sechsten Klasse weinte bitterlich. Zwei Jungs standen vor ihr und provozierten sie. Sie rief: „Geht! Lasst mich endlich in Ruhe!“ Die Jungs machten weiter. Diese Situation war brutal. Ein Kind, das weinend darum bittet, in Ruhe gelassen zu werden, wird weiter geärgert und verletzt. Wie haben sich hier die Grenzen verschoben? Gehört die Bedrängnis zum Alltag der Kinder längst dazu? Welche Konsequenzen gibt es für Kinder, die einfachste Regeln nicht einhalten und noch nachtreten, ohne ein Schuldbewusstsein zu haben? Als ich dazwischengehe, sagte einer der Jungs zu mir: „Was labbern Sie?“ Treffer! Der hat mich erfahren, wie mich die wenigsten erfahren…Doch bleibt in mir ein ungutes Gefühl zurück. Wohin steuern wir als Gesellschaft? Wenn zugängliche YouTube-Videos sich gewalttätig und respektlos zeigen?
Da weinte Jesus. Das Mädchen hatte sich beruhigt. Ich möchte dabeibleiben, dass Tränen gut sind. Ich ziehe sie jedem Zynismus vor. Ich finde das Weinen wohltuend und freue mich, in meiner Umgebung Menschen zu haben, denen ich meine Tränen zumuten kann und die mir ihre Tränen von Zeit zu Zeit zumuten. Wo Worte an ihre gesagten Grenzen kommen und alles Getue, da kann eine Träne Ehrliches zeigen. Der Weg dahin ist oft nicht so weit, wie manche denken: Jeder Mensch hat seine Geschichte. Jeder hat etwas anderes hinter seinem Licht. Statt die Zähne verkrampft zusammenzubeißen und festzuhalten an falschen Bildern, mal den Gefühlen seinen Lauf lassen, mal zu weinen, kann (er) lösend sein. Danke, Jesus!
Ihre Pia Luise Rübenach in fröhlicher Erwartung auf den Frühling