Andacht

 

 

 

Gedanken zum Monatsspruch Juni aus dem Kirchenbrief der
JCB Kirchengemeinde
von Prädikantin Diana Scharfenberg

 

"Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen; denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib!“ 
(Aus Hebräer 13,3)

 


Dieser Vers aus dem Hebräerbrief wirkt auf den ersten Blick ungewohnt direkt. Er spricht von Gefangenen, von Misshandelten – von Leid, das wir vielleicht nicht unmittelbar vor Augen haben. Und doch lädt er uns ein, genauer hinzusehen. Nicht wegzuschauen. Nicht zu denken: „Das betrifft mich nicht.“

 

Der Monat Juni bringt oft Leichtigkeit mit sich. Die Tage werden länger, die Abende sind mild, vieles fühlt sich offener und heller an. Der Juni lädt uns ein, im Garten zu sitzen, die Sonne zu genießen, vielleicht kleine Auszeiten zu planen. Ein Vorbote auf den Sommer. Und mitten in diese Zeit hinein stellt uns die Monatslosung eine Frage: Für wen behalten wir unser Herz offen – auch dann, wenn es unbequem wird? „Denkt an die Gefangenen…“ – das meint mehr als ein kurzes Erinnern. Es ist ein Mitdenken, ein Mitfühlen. Kein Abgrenzen, sondern sagen: Dein Schicksal geht auch mich etwas an!

 

Gefangensein hat viele Gesichter. Natürlich denken wir an Menschen, die tatsächlich in Haft sind – oft fern von Familie, geprägt von Einsamkeit, manchmal auch von Schuld und Reue. Aber Gefangensein kann auch anders aussehen: gefangen in Sorgen, in Krankheit, in belastenden Lebenssituationen, aus denen es scheinbar keinen Ausweg gibt. Menschen, die sich eingeengt fühlen von Umständen, die sie nicht selbst gewählt haben.

 

„…denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib.“
Dieser Satz verbindet uns miteinander. Er erinnert daran: Wir alle sind verletzlich. Wir alle können an Grenzen kommen. Unser Leben ist nicht vollständig abgesichert. Diese Erkenntnis kann uns demütig machen – und zugleich wach für andere.

Und die Misshandelten – Menschen, die körperliche oder seelische Gewalt erfahren. Auch das ist oft näher, als wir denken. Vielleicht nicht sichtbar, nicht laut, aber dennoch real. Der Vers ruft uns dazu auf, nicht gleichgültig zu bleiben.

 

Für uns als kleine, vertraute Gemeinde kann das ganz konkret werden. Es geht nicht darum, die ganze Welt auf einmal zu verändern. Aber es geht darum, im Kleinen aufmerksam zu sein: Wer fehlt schon länger? Wer wirkt stiller als sonst? Wer könnte ein Wort, einen Besuch, eine Nachricht gebrauchen? Manchmal ist es ein Anruf, der zeigt: Du bist nicht vergessen.
Manchmal ein offenes Ohr, das Raum gibt für das, was schwer auf der Seele liegt. Manchmal ein Gebet, das jemand vor Gott trägt, wenn eigene Worte fehlen.

 

Vielleicht bedeutet diese Monatslosung auch, dass wir uns selbst fragen: Wo bin ich innerlich gefangen? Was hält mich fest? Und wer steht mir zur Seite? Auch das gehört dazu – ehrlich hinzuschauen und anzunehmen, dass wir einander brauchen.
Gerade in einer Gemeinschaft, die sich kennt und schätzt, liegt eine große Kraft: die Kraft der Verbundenheit. Wir können einander tragen, stärken und erinnern: Niemand muss allein bleiben. Ich durfte all das hier in unserer kleinen Gemeinde schon erleben und weiß, dass hier schon gut aufeinander geachtet wird.

 

Der Vers aus dem Hebräerbrief ist kein leichter Text. Aber er ist ein menschlicher Text. Einer, der uns herausfordert, aber nicht überfordert. Er ruft uns nicht dazu auf, perfekt zu handeln, sondern aufmerksam zu leben.
Und es ist gut, wenn wir uns immer wieder daran erinnern und diese Gedanken mit in die kommende Zeit nehmen:
Dass wir mitfühlend bleiben – auch über unseren eigenen Alltag hinaus. 

 

Dass wir hinschauen, wo andere übersehen werden. Und dass wir im Kleinen beginnen, das zu leben, was uns verbindet.
Denn manchmal reicht schon ein Faden der Aufmerksamkeit, um ein Stück Hoffnung in das Leben eines anderen Menschen zu weben.


Ihre Diana Scharfenberg
 

 

Maiskolben